Aus dem Orgelwerk von Juan Bautista Cabanilles (1644–1712) formte der Organist Sandro R. Müller einen Zyklus von vier „Büchern“, der den theologischen Kosmos des spanischen Katholizismus spiegeln und dem Priester und Organisten Cabanilles gerecht werden sollte. Weil die überlieferten Werke so gut wie keine Angaben zu Klangfarbe und Artikulation enthalten, übertrug Müller die religiös-mystische Bildsprache der spanischen Kunst des 16. bis 18. Jahrhunderts auf die Register der Orgel. Jedem Buch gab er eine der Symbolfiguren der vier Evangelisten als Motto – Mensch, Löwe, Stier und Adler; das vierte Buch steht unter dem Adler des Johannes. Jedem Stück ist ein Text zugeordnet, meist aus der Bibel.
„Engelskonzert“ hat drei Teile. Der erste, „Die Architektur des Himmels“, gilt der Vision des himmlischen Jerusalem aus der Offenbarung des Johannes: Der Tiento de Contras de 4° tono, eine Studie über langsam wechselnde Orgelpunkte im Bass, erklingt auf zwei kombinierten Mixturchören (Llenos) von Hauptwerk und Echowerk. Der zweite Teil ist eine Messe zum Fronleichnamsfest – Introitus, Epistel, Evangelium, Offertorium, Elevation, Communio und Hymnus über das „Pange Lingua“ des Thomas von Aquin –, gefolgt von einer großen Schiffsprozession, für die Trompeteria, Trompeta Real und Echotrompeten die Seetrompeten darstellen. Dabei gibt Müller den Registern Rollen: Im Offertorium, einem Pasacalles de 1° tono, singen die Krummhörner gemeinsam und im Wechsel; die Elevation ist ein Dialog zwischen Nazard und Krummhorn; in der Communio vereinen sich Voix céleste und Vox humana als Himmel und Erde.
Der dritte Teil, „Die Grenzen des Verstandes“, verbindet die Engelsvisionen aus dem ersten und dem letzten Buch der Bibel. Für die Jakobsleiter steht der Tiento lleno sobre ut, re, mi, fa, sol, la, 5° tono: Über dem Hexachord baut sich schrittweise ein großes Mixturplenum auf; wenn Gott zu Jakob spricht, unterbrechen Trompeteria und Glockenrad den Aufbau. Den abschließenden Tiento de 5° tono Partido de Mano Derecha deutet Müller als „Tanz der Wut für die sieben Trompeten“: Die Trompeteria der Orgel führt ein großes Crescendo, zu dessen Schluss sämtliche Zungenstimmen im Pedal hinzutreten.
Auf der Suche nach einem geeigneten Instrument stießen Müller und der Produzent Ingo Schmidt-Lucas auf die große Rieger-Orgel (1969/70) der Zisterzienserabtei Marienstatt im Westerwald. Sie besitzt eine historische spanische Trompeteria mit Pfeifen aus dem Jahr 1732, nach Angabe des Begleithefts die einzige außerhalb der Iberischen Halbinsel. Aufgenommen wurde im Juli und November 1995; das Album erschien 1997.
