Michael Denhoff wurde 1955 in Ahaus in Westfalen geboren und studierte von 1973 bis 1982 an der Musikhochschule Köln Violoncello bei Siegfried Palm und Erling Blöndal-Bengtsson sowie Komposition bei Jürg Baur und Hans Werner Henze; ab 1979 erhielt er mit dem Denhoff-Klaviertrio Kammermusikunterricht beim Amadeus-Quartett. Er lebt als freischaffender Komponist und Cellist in Bonn, leitete dort von 1985 bis 1992 das Akademische Orchester und ist seit 1992 Cellist im Bonner Ludwig-Quartett. Stipendien führten ihn 1986/87 an die Villa Massimo in Rom und 1996 an die Villa La Collina in Cadenabbia.
„Die Klänge sind nur Bilder dessen, was hinter ihnen liegt“, notierte Denhoff im April 1990 in seinen „Annotationen über das Komponieren“. Hinter vielen seiner Werke stehen, wie Stefan Fricke im Begleitheft ausführt, Bilder aus Literatur, Musikgeschichte oder bildender Kunst, vor allem die Radierungen Goyas. Denhoff vertont sie nicht programmatisch, sondern nimmt sie als Inspirationsquelle und übernimmt ihre Titel. Die erste dieser Kompositionen ist El sueno de la razon produce monstruos (Der Schlaf der Vernunft bringt Ungeheuer hervor) für Violoncello und Klavier von 1982. Die gleichnamige Radierung von 1797 erschien 1799 als Blatt 43 der „Caprichos“, 80 Aquatinta-Drucken über Moral, soziale Ungerechtigkeit, Erziehung, Ehe und Inquisition, und zeigt den am Arbeitstisch schlafenden Künstler, umgeben von Nachtgestalten, die im Spanien des 18. Jahrhunderts für Ignoranz und geistige Umnachtung standen. Denhoff spielt das Stück mit der Pianistin Birgitta Wollenweber.
Nach Desastres de la guerra für Orchester (1983) folgte 1988 mit Los disparates für Viola, Violoncello und Kontrabass die dritte Goya-Annäherung, 1989 vom „trio basso“ bei den Wittener Tagen für neue Kammermusik uraufgeführt. Vorlage sind sieben der zwischen 1815 und 1824 entstandenen Radierungen der Folge „Die Torheiten“, die erst 1850, 22 Jahre nach Goyas Tod, erschien; die Satztitel übernehmen die Titel der Blätter, von Disparate de miedo (Torheit der Furcht) bis Disparate funebre (gespenstische Torheit). In Disparate alegre gibt das Violoncello in höchster Lage falsettartig den spanischen Rundtanz Sardana wieder, während Viola und Kontrabass lärmend und verständnislos begleiten, als begriffen sie die soziale Wirklichkeit nicht. Es spielen Ulrich Hartmann, Solobratscher im Orchester der Beethovenhalle Bonn, Denhoff und Christian Sutter, Solobassist des Sinfonieorchesters Basel.
Den düsteren Grundcharakter der Goya-Stücke behält Denhoff im 3. Klaviertrio Op. 74 Nr. 1 „schwarzes Ballett“ bei, 1995 als Auftragswerk der Universität von Virginia entstanden. Es wächst aus wenigen Bausteinen: drei auf den Zentralton cis bezogenen Akkorden im tiefen Register des Klaviers und einem Takt, der seinen Zeitpuls zweimal halbiert (3/4 + 3/8 + 3/16). Die Streicher falten die Akkorde allmählich zu melodischen Strukturen auf, und in festem Metrum, das auch Pausen und Zäsuren als exakte Einheiten kennt, entsteht ein Kontrapunkt, der zunehmend die höchsten Register erschließt; weil die Elemente wie rituelle Gesten artikuliert werden, schließt Denhoff eine Choreographie nicht aus. Aus einer Skizze zu diesem Trio ging das Nachtstück Op. 74 Nr. 2 für Violine, Violoncello und Klavier hervor, ebenso reduziert, doch flüchtiger im Charakter. Beide spielt das Ishizaka-Trio der Geschwister Kimiko (Klavier), Kiyondo (Violine) und Danjulo Ishizaka (Violoncello), die seit 1992 mit Denhoff zusammenarbeiten.
Two once so one Op. 66, die Beckett-Momente von 1992, verschaltet das 5. Streichquartett „Since atwain (I)“ mit dem Duo „Since atwain (II)“ für Viola und Violoncello; beide Stücke lassen sich auch getrennt aufführen. Gemeinsam gespielt, sitzt das Quartett vor, das Duo hinter dem Publikum, und beide Gruppen spielen sieben mal sieben Klangaktionen unabhängig voneinander, nur die Einsätze sind exakt notiert. Angeregt wurde das Werk von Samuel Becketts später Prosa „Worstward Ho“, aus der ein Passus der Partitur als Motto vorangestellt ist: „Since atwain. Two once so one.“ Das Verdi-Quartett spielt hier mit Ulrich Hartmann und Denhoff. Die Aufnahmen entstanden 1996 und 1997 auf Burg Langendorf.
