Adalbert Lindner nannte die Sechs Trios für Orgel Op. 47 (1900) eine Blume zwischen zwei Abgründen und meinte damit das B-A-C-H-Werk op. 46 und die Choralphantasien op. 52. Ihr Komponist sah die Sache nüchterner: An den Orgelpädagogen Karl Wolfrum schrieb Max Reger, er habe die Trios hauptsächlich als Unterrichtsmaterial gedacht, und bat ihn, sie im Königlichen Lehrerseminar in den oberen Kursen des Orgelunterrichts zu verwenden. Zunächst hatte Reger, wie so oft, zwei ungleich gewichtige Werke unter einer Opuszahl zusammengefasst — die Phantasie und Fuge über B-A-C-H als op. 46a, die Trios als op. 46b; der Verlag Joseph Aibl brachte die Trios Anfang Oktober 1900 dann als op. 47 heraus.
Dem Organisten Gustav Beckmann gegenüber entschuldigte sich Reger, das Werk sei zu unbedeutend, um es ihm zu widmen, und fügte in gewohnter Ironie hinzu, das Pedal sei natürlich immer obligat — wozu habe man denn „Beene“. Karl Straube traf in der Monatsschrift für Gottesdienst und kirchliche Kunst den Ton der Sammlung: sechs Musterstücke an Feinheit und Grazie, in denen sogar der Humor zu seinem Recht komme, soweit er auf der Orgel zulässig sei; man atme fast die Luft der Rokokozeit. Den lyrischen Nummern Canon, Canzonetta und Siciliano stehen mit Gigue, Scherzo und Fuge drei äußerst lebhaft artikulierte Sätze von heiter-ironischer Leichtigkeit gegenüber. Alle sechs sind dreiteilig angelegt, mit kunstvoll veränderter Reprise, und greifen immer wieder zum doppelten Kontrapunkt.
Mit den Zwölf Stücken für Orgel Op. 80 beendete Reger die Reihe jener Sammlungen kürzerer Charakterstücke, die er in seiner Münchner Zeit vorgelegt hatte. Wie in op. 59, op. 63 und op. 65 vereinigt er zwölf Sätze zu einem Zyklus; drei davon waren bereits für op. 65 komponiert und auf Wunsch des Verlegers für die spätere Sammlung zurückgestellt worden — auch hierin zeigt sich der Pragmatiker, dem an Verbreitung und Publikation seiner Werke gelegen war. Harmonisch und formal sind diese Stücke wesentlich ausgeglichener als die vorangegangenen Sammlungen; Martin Schmeding liest daraus im Begleitheft Regers wachsende Erfolge und den damit gewonnenen Gleichmut ab, auch wenn die Münchner Konflikte, unter anderem der Streit mit der Neudeutschen Schule um Ludwig Thuille, nie ganz in den Hintergrund traten.
Insgesamt wirkt op. 80 kammermusikalischer und neigt, vor allem klanglich, weniger zu eruptiven Ausbrüchen. Wie op. 59 fand die Sammlung schon kurz nach ihrem Erscheinen allgemeine Wertschätzung; Regers Biograph Guido Bagier lobte die ständig neuen Ausblicke, die reizvollen Vertiefungen und die dem Charakter des Instruments gemäßen harmonischen Kombinationen. Anfang und Ende des Zyklus bilden je ein Paar aus Präludium und Fuge: Nr. 1 Präludium und Nr. 2 Fughetta in e-Moll mit ihrem sanft schwingenden, melancholischen Pastoralencharakter, dann Nr. 11 Toccata und Nr. 12 Fuge in a-Moll, die in zielgerichteter Virtuosität, harmonischer Gefasstheit und formaler Abrundung zu den gelungensten Stücken dieser Sammlungen zählen. Dazwischen steht Verschiedenstes: ein Perpetuum mobile mit ostinaten Sechzehntelfiguren, ein Intermezzo in ungeradem Takt, das an langsame Sätze Gustav Mahlers erinnert, und ein inniges Ave Maria, das Regers Wort bestätigt, er sei katholisch bis in die Fingerspitzen. Erst gegen Ende seines Lebens griff er mit op. 129 die Idee einer solchen Sammlung wieder auf.
Die Aufnahmen entstanden am 28. und 29. Mai 2015 an der Wilhelm-Sauer-Orgel op. 902 der Leipziger Michaeliskirche, unmittelbar vor denen zum zehnten Band am selben Instrument. Kirche und Orgel wurden gemeinsam bis 1904 errichtet und bilden bis in den Prospekt hinein eine Einheit: Dessen geschnitzte Rosenstöcke und Naturformen nehmen den Jugendstil des Kirchbaus auf. Christian Scheffler (Sieversdorf) restaurierte das Instrument 1996–1999 umfassend; Martin Schmeding hebt im Begleitheft seine vielfältigen kammermusikalischen Farben hervor. Nach der Zerstörung Dresdens war hier Hanns Ander-Donath tätig, Organist der Frauenkirche und bedeutender Bach- und Reger-Interpret. Registriert haben Sebastian Heindl, Marie Schmeding, Jihoon Song und Sora Yu. Der Band gehört zu der Gesamteinspielung, für die Schmeding zwischen 2014 und 2016 historische Sauer- und Walcker-Orgeln in ganz Deutschland aufsuchte; er war für die International Classical Music Awards (ICMA) nominiert.
