Im Jahr 2000 suchte der „Gesprächskreis zu Fragen von Musik und Kirche“, getragen von katholischen Akademien in Würzburg und Rottenburg-Stuttgart, einen Komponisten für ein Credo: nicht allzu groß besetzt, nicht übermäßig schwer, möglichst mit Beteiligung der Gemeinde. Die Wahl fiel auf den 1955 in Ahaus geborenen Michael Denhoff, der literarische Vorlagen in seinen Werken als Material und Kontrapunkt einsetzte. Wie Joachim Herten, Mitglied des Gesprächskreises, im Begleitheft schreibt, fühlte sich Denhoff zu einer persönlichen Stellungnahme herausgefordert: Was haben die fern gerückten Vorstellungen des Credo mit heutigen Lebenserfahrungen zu tun? Er konfrontiert die Glaubensformeln deshalb mit Dichtertexten, die sie kommentieren, neu beleuchten oder vertiefen.
Das rund 35 Minuten dauernde Werk beginnt mit einem „Anweg“ aus leiser Musik hoher Streicher und Bläser, zu dem Stimmen aus Publikum und Chor persönliche Glaubenssätze sprechen. Im zweiten Satz, in dem die zunächst im Raum verteilten Chorsänger ihre Plätze einnehmen, erklingen neben dem lateinischen Credo griechische und russische Fassungen, das jüdische „Shema Yisrael“ und das islamische „La ilaha illa-llah“; die Gemeinde kann hier und beim „Amen“ am Schluss mitsingen. Das Bekenntnis zur Kirche hat Denhoff, wie vor ihm etwa Franz Schubert, nicht vertont – auch weil er das auf zwölf Sätze angelegte Werk nicht auf dreizehn erweitern wollte.
Allen Sätzen liegt eine Formel aus sieben Tönen zugrunde, entsprechend den Silben von „Cre-do in u-num De-um“: sieben geschichtete Quinten, deren zwei Dreiergruppen um den tiefsten Ton fis kreisen und sich in der Mitte zu einer dritten verbinden. Die Chorpartien mit dem lateinischen Text sind weithin diatonisch-tonal, die Solopartien subjektiver und chromatisch reicher: Der Sopran singt im Credo 2 Verse von Rose Ausländer, der Bariton in Tenebrae und Das leere Grab Gedichte von Paul Celan und Kurt Marti, im Crucifixus kommen Eva Zeller und Hilde Domin hinzu. Im Finale Et exspecto sprechen drei Männerstimmen zu Celans Versen Texte von Sandor Marai, Fernando Pessoa und Wolfgang Amadeus Mozart.
Das Credo Op. 93a für gemischten Chor gehörte nicht zum Auftrag; es entstand während der Arbeit an Op. 93 aus denselben, nur wenig veränderten Chorsätzen, ohne Instrumente, Solisten und Gemeinde, syllabisch und textnah. Sein VII. Satz vertont gerade den in Op. 93 ausgesparten Text über die Kirche, weitgehend homophon, aber mit starken Reibungen. Aus tiefer Not – Anrufung für Orgel Op. 41 von 1984 löst die Luther-Melodie in ihre Merkmale auf – Mollterz, phrygische Sekunde, Umspielung der Quinte – und verwandelt die Klage in ein persönliches, verzweifelt anklagendes Rufen, „ein Rufen ohne Antwort“.
Op. 93 wurde am 30. Mai 2003 beim Ökumenischen Kirchentag in St. Matthias, Berlin-Schöneberg, uraufgeführt und dabei aufgenommen: mit Irene Kurka (Sopran), Alban Lenzen (Bariton), dem Chor der Katholischen Hochschule für Kirchenmusik St. Gregorius Aachen, dem Orchester der Kölner Kammermusiker und Michael Hoppe (Orgel) unter Steffen Schreyer. Op. 93a und Op. 41 folgten am 29. April 2004 in der Pfarrkirche St. Michael in Aachen-Burtscheid, wo Johannes Trümpler die Weimbs-Orgel von 1999 spielt.
