Die DEGEM, 1991 in Berlin als deutsche Sektion der Confédération Internationale de Musique Electroacoustique gegründet, gibt neben Publikationen auch Tonträger heraus; die Werkauswahl für ihre siebte CD traf Elena Ungeheuer. Javier Alejandro Garavaglias „OVERTURE (in memoriam T.A.T.)“ (1997) für Tonband erinnert an seinen 1994 verstorbenen Bratschenlehrer. Den tiefsten Ton der Bratsche, C, machte Garavaglia zum Zentrum des Tonhöhensystems und leitete daraus zwei Obertonreihen ab: eine positive, die für das Leben steht, und eine gespiegelte, negative für dessen Abwesenheit. Zahlenbezüge zu Name und Geburtsdatum des Lehrers ordnen Rhythmen und Tonhöhen algorithmisch.
Hans Mittendorf-Labiches „Invisible Worlds“ (1999) verbindet Instrumente, Elektronik und Tanz. Das Tonband entstand am UPIC-Computer in den Pariser Ateliers UPIC von Iannis Xenakis, auf dem sich Klänge über eine grafische Oberfläche in Echtzeit zeichnen und abspielen lassen; Clara Novakova (Flöte), Carol Robinson (Klarinette) und Thierry Miroglio (Schlagzeug) spielen mit Live-Elektronik, getanzt hat Isaura Corlay. Die Aufnahme stammt von der Uraufführung am 19. Mai 1999 im Centre Multimédia de l’ADAC in Paris während der Journées d’Informatique Musicale. Sven-Ingo Koch nennt „saxl“ (1999) eine „Fensterkomposition“: Drei Saxophonsamples, ein anschwellender Einzelton, eine Klappengeräuschtextur und eine kleine bewegte Tongruppe, gehen durch Granularsynthese und Phase Vocoding ineinander über, aber nicht linear, sondern in kontrastierende Phasen zerschnitten.
Die Initialen in Harry-Ed Rolands „N.A.M.A: ‚booty!‘ don’t walk“ (1999) stehen für „(not) all men are …“, eine Anspielung auf Lincolns Gettysburg-Rede und Martin Luther Kings „I have a dream“. Roland versteht das Stück als seine Version jener Wahrheiten, die „wir als selbstverständlich betrachten“, geschrieben aus der Erfahrung der Morgen, an denen er in seiner dunklen Haut erwacht: ein Stück über das Herstellen von Ungleichheit und die damit verbundenen irrationalen Ängste, kompositorisch eine Etüde über ein einziges musikalisches Element. Werner Cees „Cities’ Drift (Auszug)“ (2001) stammt aus dem Hörstück „Drift“ für den Hessischen Rundfunk. Cee zerlegte Chormusik aus dem Repertoire des Chors Kamer in kurze Samples, collagierte sie zu neuen Klangbildern und ließ diese vom Chor in verschiedenen Räumen singen; Landschaftsschilderungen aus Vincent van Goghs Briefen und Städtenamen aus dem Jahrbuch von Amnesty International regten die Improvisationen an. Komponiert wurde im Sinne der Musique concrète direkt im Studio.
Karl Friedrich Gerber nennt „Stream“ (2000) eine computergestützte Improvisation: Sein Programm erzeugt in Echtzeit einen Strom von Zahlenfolgen, gesteuert von 18 Formeln, die er am Bildschirm bearbeitet; wegen der ganzzahligen Parameter vergleicht er das Verfahren mit Xenakis’ Siebtheorie. Frank Niehusmanns „Arbeit“ (2000) greift die DJ-Kultur auf, doch mit zwei Spulentonbandgeräten statt Plattenspielern: Vorbereitete Klänge werden, teils mit Scratching, auf eine drei Meter lange Achtspur-Bandschleife überspielt, die zugleich abspielt. Friedhelm H. Hartmanns „Electric Symphony (Fuge)“ (2000), Schlusssatz eines viersätzigen Zyklus, beruht allein auf dem Schlagen und Ticken einer mechanischen Wanduhr. In „Felix Regula IV“ (2000), realisiert in Lüttich am Centre de Recherches et de Formation Musicales de Wallonie, bricht Roberto Doati schließlich das Virelai „Sus une fontayne“ von Johannes Ciconia auf, der seine letzten Jahre in Doatis Wohnort Padua verbrachte; die Instrumente spiegeln einander und zugleich die Computertechnik.
