Jens Joneleit, am 17. September 1968 in Offenbach am Main geboren, studierte Komposition bei Stephen Yarbrough, Lewis Hamvas, Robert Marek und Joel Naumann in Vermillion (South Dakota) und Madison (Wisconsin); in Deutschland wurde er wesentlich von Franz Hummel gefördert. Als richtungsweisend für sein Schaffen nannte er in einem Interview die Klangmonolithe Anton Bruckners und Bruckners Fähigkeit, aus der Stille zu schöpfen. Von dort führt die Linie zur Neuen Musik: zur Geste des Gewährenlassens und Strömenlassens, wie sie Morton Feldman lehrt, aber auch zur Geste des Aufbegehrens, die keiner so rein und flammend ins Leben gebracht hat wie Luigi Nono.
Il canto l’interno, … nell’intimo ist eine rhapsodische Phantasie mit improvisatorischen und kadenzierenden Elementen, ein wortloser, inwendiger Gesang, aus dem eine Fülle von Bildern entspringt. Das Begleitheft nennt es die Geisterstunde der Instrumente: Wenn sie nachts in ihren Koffern unter ihren Decken liegen, klingen sie träumend, und in den dunklen Resonanzkörpern formt sich alles von selbst — clowneske Schreie, porzellanzarte Geigen-Ricochets, tänzerische Ostinati, ebenholzschwarzer französischer Jazz. Duogesänge verbinden die beiden Holzbläser zu einem virtuosen Frage-und-Antwort-Spiel, ebenso die beiden Streicher; ehe der Spuk vorüber ist, herrscht trügerische Stille.
Im Streichquartett Nr. 6 sind Kontrast- und Schnitt-Technik so charakteristisch wie die Auflösung einer Figur in disparate Einzellinien, die auseinanderstreben und verlöschen. Die Nüchternheit der musikalischen Versuchsanordnung steht in bemerkenswertem Gegensatz zum starken emotionalen Gehalt: Affekt ist es, der den Bogen führt, vom ersten bis zum letzten Takt. Der zweite Satz exponiert einen zweistimmigen strengen Gesang, der später mehrfach wiederkehrt — verkürzt, gerafft, rhythmisch verschoben, oktaviert. Kantabel beginnt auch der dritte Satz, mit einem Lento molto espressivo, von allen Spielern mit Holzdämpfer vorzutragen, woraus eine dicht verschleierte, bis zu achtstimmige Faktur entsteht, gefolgt von kühlen, chromatisch marmorierten Klangfeldern.
Dem Klaviertrio … in Sicht liegt ein Bild zugrunde: Über einem großen, hellen, spiegelglatten See ist der Horizont von einer Nebelbank verdeckt, Himmel und Wasser gehen ineinander über und sind nicht voneinander zu unterscheiden — eine Szenerie, still und schön wie ein Gemälde, aber je tiefer man hineingerät, umso einsamer wird der Blick des Betrachters; angezogen von der formlosen, farbenleeren Tiefe, lässt er für einen schwebenden Moment allen Halt und alle Erinnerung fahren, bis nichts mehr ist als weiße, verblichene Weiten. Die drei Sätze umkreisen diesen Augenblick; ins Weiß sind die Zeichen der Musik eingeschrieben. Die Komposition entstand im Sommer 1999 zwischen dem Divertimento Schallrisse für großes Orchester und dem Klavierkonzert Konnex als Moment radikaler Reflexion und Selbstvergewisserung.
Das Violoncello-Solo Abbild, für Scott Roller geschrieben, zaubert aus einem Quartenmotiv ein spielerisches Fugato: Eine Art des Klangs springt über in eine andere, an die sie erinnert — das Flageolett ist Abbild des Grundtons, das Pizzicato Abbild des gestrichenen Tons, der flirrende Ton hinter dem Steg sein Zerrbild. Io sol uno schließlich entstand aus dem Wunsch, Klangfarbe als eigenständige musikalische Qualität wahrzunehmen: Am Anfang ist nur eine einzige, im Raum verirrte Tonhöhe, hauchender Staub, der sich zu phosphoreszierenden Clustern verdichtet; über kreisenden Ostinati der tiefen Streicher bilden sich Akkorde, und am Ende verströmt die Musik so feinstofflich, dass man die Rückkehr in die unendliche, undifferenzierte Stille kaum spürt. Aufgenommen wurde im Juni 2001 im Theater an der Halle in Ostfildern-Nellingen; die CD spielt 76:47.
