„Die Zukunft entscheidet über den Fortbestand von Musik“ — diese Feststellung über die ungewisse Lebenszeit der eigenen Werke stammt von Witold Lutoslawski, aus einem seiner letzten Zeitungsinterviews im Januar 1993. Damit spricht er eine Frage an, die für viele Künstler existenziell ist: Haben die Artefakte auch nach dem biologischen Ende ihres Schöpfers Bestand, bedeuten sie späteren Generationen etwas — oder bleiben sie allein noch Sache der Experten, hervorgeholt anlässlich der ohnehin seltenen Jubiläen? Die Dauerhaftigkeit der vier Kompositionen dieses Recitals steht außer Frage, auch wenn sie nicht die bekanntesten für Violine und Klavier sind; Charme, Anmut und Ausdruck sichern ihnen einen bleibenden Platz.
Das älteste der vier Stücke stammt von Johannes Brahms. Konzipiert für Klarinette und Klavier, schrieb er die Sonate in f-Moll op. 120 Nr. 1 im Sommer 1894, obgleich er vier Jahre zuvor Clara Schumann gegenüber bekundet hatte, dass er nichts mehr komponieren wolle. An diesem Vorsatz hielt er nicht fest — allerdings schrieb er danach ausschließlich Kammermusik. Den äußeren Anlass für das herb-volksliedhafte Stück bildete seine Bekanntschaft mit Richard Mühlfeld, dem Klarinettisten der Meininger Hofkapelle, für den er schon 1891 das Klarinettentrio op. 114 und das Klarinettenquintett op. 115 komponiert hatte; eine zweite Sonate in Es-Dur schloss sich unmittelbar an. Dass die Klarinette durch eine Bratsche oder Geige ersetzt werden kann, ist eine Idee des Komponisten selbst — seine beiden eigentlichen Violinsonaten, die Regenlied-Sonate op. 78 und die Thuner-Sonate op. 100, waren schon 1878/79 und 1886 entstanden.
Den vierzig Jahre jüngeren Max Reger hat das Duo von Geige und Klavier zeitlebens interessiert. Sein mit der Opuszahl 1 versehenes Werk ist für diese Besetzung geschrieben, und er komponierte noch acht weitere Sonaten sowie zwei Suiten und das Präludium und Fuge a-Moll; neben dem Streichtrio op. 77a und dem Klarinettenquintett gehören sie zu den beliebtesten Stücken seiner Kammermusik. Die wohl im Sommer 1905 entstandenen, recht aparten Zwei Stücke op. 87, bestehend aus einem Albumblatt und der Romanze in e-Moll, sind dagegen weit seltener zu hören — zu Unrecht, wie diese wahrscheinlich erste Einspielung der Romanze zeigt.
Wie Reger wandte sich auch George Enescu früh dieser Besetzung zu. Mit sechzehn Jahren schrieb er, der sowohl ein herausragender Pianist wie ein fulminanter Geiger war, seine erste Sonate in D-Dur; die zweite in f-Moll op. 6 folgte zwei Jahre später, eine dritte in a-Moll op. 25 entstand 1926. Schon in der zweiten Sonate, die Enescu als Pianist mit dem französischen Geiger Jacques Thibaud uraufführte, griff der stets heimatverbundene Komponist Elemente der rumänischen Folklore auf. An die Entstehungszeit erinnernd bemerkte er einmal, er habe gefühlt, dass er sich sehr schnell entwickelte und er selbst wurde; von da an habe er sich vorangetastet. Carl Flesch nannte die Sonate eines der stärksten zeitgenössischen Werke ihrer Gattung, in dem Empfindung und Technik auf gleich hoher Stufe stehen.
Die jüngste der vier Kompositionen ist Lutoslawskis Partita, im Herbst 1984 geschrieben; vier Jahre später folgte die weitaus bekanntere Version für Orchester. Das Kammermusikstück entstand auf Wunsch des Saint Paul Chamber Orchestra für den Geiger Pinchas Zukerman und den Pianisten Marc Neikrug, die es ein Jahr später in St. Paul in Minnesota uraufführten. Es besteht, so der Komponist, aus fünf Sätzen: Die wichtigsten sind der erste (Allegro giusto), der dritte (Largo) und der fünfte (Presto), während der zweite und der vierte nur kurze, ad libitum zu spielende Zwischenspiele darstellen; ein weiterer kurzer Ad-libitum-Abschnitt erscheint vor dem Ende. Die drei Hauptsätze folgen, zumindest rhythmisch, der Tradition vorklassischer Musik für Tasteninstrumente — allerdings, wie Lutoslawski hinzufügt, nicht mehr als eine Andeutung. Aufgenommen wurde im Juli 2000 und im Januar 2001 in der Stadthalle Rheinberg; die CD spielt 69:52.
