Als Oskar Gottlieb Blarr im September 1981 für acht Monate nach Israel ging, erlebte er die Jesus-Geschichte als etwas gerade Geschehenes: Der Einzug in Jerusalem war vor einer Woche, die Kreuzigung vor drei Tagen, Ostern war heute früh. Aus dieser Erfahrung entstand die Jesus-Passion, die 1985 uraufgeführt und 1987 erstmals in Jerusalem aufgeführt wurde — im Beisein von David Flusser und Schalom Ben-Chorin. Blarr wollte die Passionsgeschichte ohne Antijudaismus erzählen; im Gespräch grenzt er sich deutlich von Bachs Johannes- und Matthäus-Passion ab, deren Textgrundlage diese Tendenz eingewoben sei.
Die Texte der drei oratorischen Szenen stammen überwiegend aus der Bibel. Für die ursprünglich griechischen Stellen des Neuen Testaments wählte Blarr die hebräische Rekonstruktion von Franz Delitzsch aus dem Jahr 1885, die nach David Flusser den Ton der biblischen Sprache am besten trifft. Der erste Teil, Einzug in Jerusalem, hebt das Königsthema im Leben Jesu auch in seiner politischen Dimension hervor und schließt mit dem mittelalterlichen Versus Aus hartem Weh die Menschheit klagt, einer der wenigen nachbiblischen Strophen, die Juden und Christen gemeinsam beten können. Im zweiten Teil, Jesus in Gethsemane, taucht ein aramäisches Protestlied aus der Zeit Jesu auf, das im Talmud überliefert ist, daneben steht der frühpietistische Text Im Garten leidet Christus Not im Originalsatz des Königsberger Domkapellmeisters Johannes Eccard. Der dritte Teil ist die Kreuzigung.
Der Organist und Komponist Odilo Klasen, der über Blarr eine mehr als fünfhundert Seiten umfassende Dissertation geschrieben hat, führt das Erfolgsgeheimnis des Oratoriums auf eine Besonderheit von Blarrs Stil zurück: unmittelbar erfassbar zu sein, auch für jemanden, der diese komplexen Prozesse überhaupt nicht kennt. Blarr habe früh erkannt, dass die Rezeption anspruchsvoller zeitgenössischer Musik etwas jenseits des Abstrakten braucht — ein Bild, eine Geschichte, eine Anekdote, einen Hinweis zur Inspiration. Zwischen der Uraufführung 1985 und 2018 wurde die Jesus-Passion sechsundzwanzigmal aufgeführt.
Im Gespräch mit Mirjam Wiesemann erzählt Blarr von seiner Jugend in Ostpreußen, von der Flucht 1945 und den Stationen bis 1961, als er in Düsseldorf Fuß fasste, wo er bis heute lebt. Drei Bilder aus den ersten Jahren kehren in seinem Leben wieder: der schwarze, breitkrempige Hut des Großvaters, der den freien, selbstbestimmten Mann symbolisiert und zu Blarrs optischem Markenzeichen wurde; das große Schmiedefeuer und die rhythmischen Geräusche in der Schmiede des Vaters, die ihn später zum Schlagzeugstudium anregten; und die Orgel von Bartenstein, die er als Kind zwischen 1938 und 1945 spielte — ich wäre mit Sicherheit kein Orgelmensch geworden, wenn ich nicht in den ersten Kinderjahren diese Orgel gespielt hätte. Das Motto dieses Bandes stammt ebenfalls von ihm: Wenn ich nicht glaube, dann ist die Orgel als Stimme Gottes ein Hirngespinst.
Die Aufnahme der Jesus-Passion entstand am Karfreitag, dem 30. März 2018, während des Konzerts in der Lutherkirche Wiesbaden. Das Gespräch mit Oskar Gottlieb Blarr führte Mirjam Wiesemann am 15. April 2018 in seiner Düsseldorfer Wohnung, das Gespräch mit Odilo Klasen am 21. Mai 2018 in den Cybele Studios. Ermöglicht wurde die Edition durch die Unterstützung des Düsseldorfer Ehrenbürgers Udo van Meeteren.
