Schaufenster faszinieren Mirjam Wiesemann schon lange. 2010 begann sie in Rom, Auslagen zu fotografieren; weitere Bilder entstanden 2011 und 2012 auf Reisen nach Barcelona, London, Los Angeles und Paris, 2013 und 2014 folgten Städte wie Amsterdam, Arles, Genf, München und Zürich. Unter Hunderten von Aufnahmen wurde ihr zunehmend bewusst, dass die eigentliche Faszination im Verborgenen lag: hinter und zwischen den ausgestellten Gegenständen, in der Verschmelzung von Vorder- und Hintergrund und in den Spiegelungen, die die Dinge in neue Sinnzusammenhänge stellen. Durch das Auge der Kamera erschienen ihr diese „Scheinwelten“ nicht selten wirklicher als die vordergründig realen.
Nachdem die Fotografien entstanden waren, erzählten ihr Menschen ungefragt, was sie darin sahen. Viele dieser spontanen Kommentare notierte Wiesemann, und sie beschloss, gezielt Menschen verschiedener Altersgruppen zu ihren Bildern zu befragen und zur Mitwirkung einzuladen – eine weitere Ebene der Spiegelung. So stehen im Kunstband neben einer Auswahl der Schaufensterbilder die Texte von Mitwirkenden zwischen 7 und 80 Jahren, vom knappen Einwurf bis zur Prosaminiatur und zum Gedicht. In einem Bild aus Düsseldorf etwa sehen die einen ein Haus aus Strohhalmen, Korallen oder Bügelperlen, die anderen ein brennendes Hochhaus oder einen Drahtseilakt.
Wiesemann fasst ihre Erfahrung in dem Satz zusammen: „Wir sehen mehr durch die Augen der Anderen.“ Jeder Text und jedes Bild ist für sie ein Mikrokosmos; erst in der Zusammenschau werde eine verborgene, gemeinsame Geschichte sichtbar. Mirjam Wiesemann ist Autorin, Publizistin und Schauspielerin. 2004 gründete sie mit Vera Forester und Ingo Schmidt-Lucas die Hörbuchreihe Wort&Musik von Cybele Records, deren künstlerische Leiterin sie ist; 2009 folgte die Edition Künstler im Gespräch, die sie gemeinsam mit Ingo Schmidt-Lucas ins Leben rief.
Der gebundene Band im Format 210 x 277 mm umfasst 164 Seiten mit vierfarbigen Abbildungen und erschien 2014 im Verlag von Cybele Records. Zusammen mit ihm kam das gleichnamige Hörbuch zum Buch heraus (Cybele EKB 1401-H3D): Mirjam Wiesemann, Tara Wiesemann und Renate Wiesemann-Fuchs lesen darin eine Auswahl der Texte, und an die Stelle der Bilder tritt Musik aus dem Cybele-Repertoire. Kunstband und Hörbuch wurden 2014 auf der Frankfurter Buchmesse erstmals vorgestellt.
Für Wiesemann entstand dabei eine veränderte Betrachtungsweise, eine zweite Wirklichkeit: Was sie zu kennen glaubte, zeigte sich in einem anderen Licht, und was erst beim zweiten oder dritten Hinschauen auftaucht, wurde wichtiger als das Sichtbare. Im Band stehen die Texte mit den Vornamen der Mitwirkenden neben den Bildern, mehrere zu ein und derselben Aufnahme — der eine sieht darin den Zerfall der Materie, der nächste eine Szene aus dem Büroalltag, der dritte einen herannahenden Posaunenchor.
