„Ein Musiker zwischen Ästhetik, Liturgie und Mystik“ ist der Aufsatz von Frater Jakob Schwinde O.Cist. im Begleitheft überschrieben. Er erinnert daran, dass Charles Tournemire, Schüler von César Franck und Charles-Marie Widor, weitgehend vergessen ist, obwohl Olivier Messiaen als sein geistiger Ziehsohn gelten kann. Anders als in den bekannteren „Gothiques“ Widors oder Léon Boëllmanns sei die Gregorianik in L’Orgue Mystique nicht bloße Anspielung, sondern alleinige Grundlage eines ganzen Werkkreises. Tournemire zitiere die Themen nicht wörtlich: Er verwende oft nur Teile des liturgischen Textes, stelle sie um und hebe einzelne Sinnspitzen hervor. Graduale, Tractus und Alleluja spare er aus, lasse ihre Motive aber meist in die Pièce terminale einfließen, und der Elévation liege stets ein Motiv aus dem Stundengebet des Tages zugrunde.
Office No. 3 (Noël), datiert auf den 13. Dezember 1927 und damit aus dem ersten Jahr der Arbeit am Zyklus, gehört zum Cycle de Noël op. 55 und bezieht sich auf die dritte Weihnachtsmesse „Puer natus“. Im Prélude à l’Introït stellt Tournemire den zweiten Teil des Textes an den Anfang, „Cuius imperium super humerum eius“: Auf den Schultern eines Kindes liegt die Herrschaft über die Welt. In der Elévation klingt die Antiphon „Lumen ad revelationem gentium“ vom Fest Mariä Reinigung an. Die Paraphrase der Pièce terminale verbindet einen Alleluja-Jubilus, der fast dem österlichen gleicht, mit dem Weihnachtshymnus „A solis ortus cardine“ und dem „Te Deum laudamus“. Zuletzt bleibt der Hymnus 33 Takte lang – nach dem Volksglauben die Zahl der Lebensjahre Jesu – auf einem Ton stehen, und zwar nicht auf dem tiefsten C der Orgel, sondern auf dem Cis, für Schwinde ein Hinweis auf das Kreuz.
Office No. 8 (Ier Dimanche après l’Epiphanie) vom 15. Mai 1929, ebenfalls aus dem Cycle de Noël, gilt dem Sonntag, auf den seit 1920 das Fest der Heiligen Familie fiel. Elévation und Communion greifen die Erzählung vom zwölfjährigen Jesus im Tempel auf; in der Communion schwebt der Schlusston sieben Takte lang über allem. In der Fantaisie Choral formt Tournemire aus der Antiphon zur zweiten Vesper einen frei erfundenen Choral, der beim dritten Mal vom „Jubilate“ des Offertoriums fast überflutet wird. Office No. 22 (Ve Dimanche après Pâques) aus dem Cycle de Pâques op. 56, datiert auf den 22. Oktober 1930, schließt mit einem dreiteiligen Stück über das Alleluja des Tages: Grave, Fugue libre et Postlude. Schwinde hört darin eine Biographie Jesu vom göttlichen Ursprung über das irdische Leben – das Fugenthema erscheint neunmal, dreimal drei – bis zu Auferstehung und Heimkehr zum Vater.
Sandro R. Müller nahm die drei Offices im August 1994 an der Alexander-Schuke-Orgel von 1968 auf, an der er seit 1980 als Organist der Alten Reformierten Kirche in Wuppertal-Elberfeld wirkt; als Registrantin half Angelika Kozinowski-Werler.
