Charles Tournemire schrieb die 51 Offices von L’Orgue Mystique zwischen 1927 und 1932 in völliger Abgeschiedenheit. Jedes Office ist eine Orgelmesse für einen Sonn- oder Feiertag, deren fünf Sätze – Prélude à l’Introït, Offertoire, Elévation, Communion und Pièce terminale – gregorianische Gesänge des Tages frei paraphrasieren. So verknüpft der Zyklus, wie Frater Jakob Schwinde O.Cist. im Begleitheft schreibt, Tournemires künstlerisches Ideal eng mit dem Erleben der kirchlichen Feste. Alle drei Offices dieses Bandes gehören zum Cycle après la Pentecôte op. 57. Den größten Teil seines Textes widmet Schwinde dem Fest Mariä Himmelfahrt, seiner Geschichte seit dem 5. Jahrhundert und Tournemires Vertonung.
Office No. 35 (Assomption), datiert auf den 4. Februar 1928, ist Tournemires Freund Joseph Bonnet gewidmet, dem Organisten von Saint-Eustache in Paris, dessen Cavaillé-Coll-Orgel ihm bei den teils sehr genauen Registrierangaben vor Augen stand. Das Offertoire ist eine langsame dreiteilige Prozession, in deren Haltepunkten die gregorianische Melodie wie aus der Ferne erklingt. Der Elévation über die Antiphon „Sub tuum praesidium“ liegt eine Bassbewegung von genau 36 Tönen zugrunde, zwölfmal drei, und die Zwölf steht traditionell für Maria; in dieser Einspielung markieren Schläge des Glockenspiels diese Töne. Erst die Pièce terminale bricht in Festjubel aus: Das Paraphrase-Carillon verbindet den Hymnus „Ave maris stella“ in den Oberstimmen mit der Antiphon „Salve Regina“ im Bass und mündet in ein Largo, das in D-Dur schließt; in der Aufnahme soll ein anschwellender Cimbelstern das sich öffnende Himmelstor hörbar machen. Messiaen forderte, alle Organisten sollten dieses Stück am Festtag spielen.
Die Offices für den 9. und den 14. Sonntag nach Pfingsten nennt Schwinde weniger spektakulär, weil ihre gregorianischen Melodien weit weniger bekannt sind als die marianischen. Die ersten vier Sätze von Office No. 34 (IXe Dimanche après la Pentecôte) vom 16. März 1931 zählen zu den schlichtesten des ganzen Zyklus. Ausgedehnt ist dagegen die Pièce terminale, Supplications et Fugue modale: Ein Turm übereinandergeschichteter chromatischer Linien bricht in einem dreimaligen Cis zusammen, dann folgt eine vierstimmige Fuge über den Alleluja-Jubilus des Tages, eine von vier modalen Fugen in L’Orgue Mystique, die in einen äußerst leisen Epilog mündet. Office No. 40 (XIVe Dimanche après la Pentecôte) vom 29. Mai 1931 schließt mit dem Choral N° 5, einer frei umspielten Choralmelodie nach dem Tagesalleluja. Ihre schweren Basstöne gegen die Triolen und Sextolen der Oberstimmen deutet Schwinde als Bild für den Gegensatz von Gott und Mammon aus dem Sonntagsevangelium.
Sandro R. Müller nahm diesen Band im Juli 1995 in der Zisterzienserabtei Marienstatt im Westerwald auf, an der großen Rieger-Orgel von 1969/70 mit Rückpositiv, Hauptwerk, Schwellwerk und Brustwerk; die Register ihres Spanischen Werks kamen dabei nicht zum Einsatz. Registriert haben Iris Fischer und Frater Jakob Schwinde. Ingo Schmidt-Lucas, Produzent und Toningenieur, arbeitete mit nur zwei Mikrofonen.
