Ließe sich Musik durch Farben beschreiben, wäre Weiß wohl das gebräuchlichste Kolorit, schreibt Stefan Fricke im Begleitheft. Wassily Kandinsky nannte das Weiß in Über das Geistige in der Kunst von 1910 ein Symbol einer Welt, aus der kein Klang mehr zu uns dringt: Es wirke auf unsere Psyche als ein großes Schweigen, klinge innerlich wie ein Nichtklang — „ein Schweigen, welches nicht tot ist, sondern voll von Möglichkeiten“. Genau darum geht es in diesem Programm: um die Aufhebung der Grenze zwischen Klang und Stille.
In der traditionellen japanischen Ästhetik heißt diese Auffassung von Musik als Teil der Stille „Ma“. Der komponierte Ton konkurriert nicht mit der Stille, sondern belebt sie und macht auf ihre Existenz im Alltag aufmerksam — „Ma o ikasu“, das Ma beleben. Für Toru Takemitsu war dieser Gedanke zentral. Sein 1982 komponiertes Rain Spell, „Regenzauber“, gehört zur 1974 begonnenen Werkgruppe Waterscape, deren gemeinsames Thema das Wasser ist: unabhängige Stücke, die verschiedene Metamorphosen durchlaufen, wie Wasser im Universum zirkuliert. Jeder Bestandteil hat dieselbe Wertigkeit, eine Hierarchie der Klangereignisse gibt es nicht; das Stück ist kontinuierlich im Fluss.
Im Westen verbreitete sich diese Vorstellung vor allem durch John Cage, besonders seit 4’33’’ von 1952 — angeregt unter anderem durch die White Paintings Robert Rauschenbergs. Den Cellisten und Komponisten Scott Roller (1959–2024) faszinierten die monumentalen Eisenplastiken Richard Serras so sehr, dass eines seiner Werke dessen Namen trägt. Wenige Monate danach entstand das Geige-Cello-Duo Serraval, benannt nach einer französischen Ortschaft, die auf ihn archaisch wirkte — die Nähe zum Namen des Bildhauers dürfte die Titelwahl mitbestimmt haben. Die sechs Miniaturen tragen Charakterbezeichnungen, die für sich sprechen: tänzerisch kokett, rasend mit Fliehkraft, elegisch dankbar, fechtend forsch, stürmisch aufdringlich, erzählend besinnlich.
Personenbezogene Widmungstitel sind ursprünglich eine Erfindung Morton Feldmans, in dessen Werk seit den sechziger Jahren zahlreiche Stücke die Namen befreundeter Künstler, Musiker und Schriftsteller tragen. For Frank O’Hara von 1973 hieß zunächst In Memory of My Feelings; O’Hara, einer der wichtigen New Yorker Schriftsteller der fünfziger und sechziger Jahre und ein enger Freund Feldmans, war 1966 mit vierzig Jahren an den Folgen eines Autounfalls gestorben. Über sein Stück sagte Feldman lakonisch, sein primäres Anliegen sei es, eine glatte Oberfläche bei einem Minimum von Kontrasten aufrechtzuerhalten.
Kaija Saariaho ließ sich für Nymphea (Jardin Secret III) von 1987 von den Seerosenbildern Claude Monets anregen: von der symmetrischen Struktur der Wasserpflanze, die auf den Wellen schwimmend sich biegt und transformiert, und von all dem, was an ihr nicht zu sehen, sondern nur zu erahnen ist. Die Live-Elektronik erweitert den Streichquartettklang um feine Schattierungen; gegen Ende flüstern die Interpreten ein melancholisches Gedicht des russischen Dichters Arsenij Tarkowskij ins Mikrofon. Albrecht Imbescheids Farben der Stille schließlich besteht aus sechs Teilen, von denen nur der letzte einen Titel trägt — Epilog — und spielt mit den Ausprägungen, die Stille haben kann: als inwendige Kontemplation, als Ausdruck sprachloser Erkenntnis, als Gegenmodell zum ubiquitären Lärmen. Das Ensemble gelberklang, das sich ab 1992 der zeitgenössischen Kammermusik widmete und seinen Namen an Kandinskys Theaterprojekt Der gelbe Klang von 1912 anlehnte, nahm das Programm vom 2. bis 6. November 2002 im Theater an der Halle in Ostfildern-Nellingen auf.
