Cybele 361201 2003

DSD Stereo Surround Neue Musik Zeitgenössische Musik 1:14:22

Zur Beschreibung

Farben der Stille

Mitwirkende

Ensemble gelberklangEnsemble

Komponisten

Albrecht Imbescheid · Kaija Saariaho · Morton Feldman · Scott Roller · Toru Takemitsu

Kurzbeschreibung

Fünf Werke über die Grenze zwischen Klang und Stille, gespielt vom Ensemble gelberklang: Toru Takemitsus Rain Spell (1982), Scott Rollers sechsteiliges Duo Serraval (1999/2000), Morton Feldmans For Frank O’Hara (1973), Kaija Saariahos Nymphea für Streichquartett und Live-Elektronik (1987) und Albrecht Imbescheids Farben der Stille für acht Spieler (1990/91), das dem Album seinen Titel gibt.

Details

Trägerformat
Hybrid-SACD

Auflösung
DSD64 / 2.8224 MHz 1 bit

Gesamtspielzeit
74:21

Kanäle
Stereo, 5.1 Surround

Aufnahme
2.–6. November 2002, Theater an der Halle, Ostfildern-Nellingen

Begleitheft
Deutsch und Englisch, 24 Seiten

Recording Producer: Ingo Schmidt-Lucas

Mit freundlicher Unterstützung der DaimlerChrysler AG

Pressestimmen

Angaben

Katalognummer
Cybele 361201
Erscheinungsjahr
2003
Genre
Neue Musik
Epoche
Zeitgenössische Musik
Besetzung
Kammerensemble, Live-Elektronik, Streichquartett
Label
Cybele Records
Barcode
809548007829
GTIN
4068992490823
Booklet (Seiten)
24

Tracklisting

15 Titel · 1:14:22

  1. 01 Rain Spell (1982) Komponist:in: Toru Takemitsu (1930-1996) Interpret:in: Ensemble gelberklang 10:08
  2. 02 Serraval (1999-2000) – tänzerisch kokett Komponist:in: Scott Roller (1959-2024) Interpret:in: Ensemble gelberklang 0:42
  3. 03 Serraval (1999-2000) – rasend, mit Fliehkraft Komponist:in: Scott Roller (1959-2024) Interpret:in: Ensemble gelberklang 0:45
  4. 04 Serraval (1999-2000) – elegisch dankbar Komponist:in: Scott Roller (1959-2024) Interpret:in: Ensemble gelberklang 2:27
  5. 05 Serraval (1999-2000) – fechtend forsch Komponist:in: Scott Roller (1959-2024) Interpret:in: Ensemble gelberklang 0:55
  6. 06 Serraval (1999-2000) – stürmisch aufdringlich Komponist:in: Scott Roller (1959-2024) Interpret:in: Ensemble gelberklang 0:49
  7. 07 Serraval (1999-2000) – erzählend besinnlich Komponist:in: Scott Roller (1959-2024) Interpret:in: Ensemble gelberklang 1:59
  8. 08 For Frank O’Hara (1973) Komponist:in: Morton Feldman (1926-1987) Interpret:in: Ensemble gelberklang 14:25
  9. 09 Nymphea (Jardin Secret III) (1987) für Streichquartett und Live-Elektronik Komponist:in: Kaija Saariaho (1952-2023) Interpret:in: Ensemble gelberklang 20:14
  10. 10 Farben der Stille (1990-91) für acht Spieler – I Komponist:in: Albrecht Imbescheid (* 1950) Interpret:in: Ensemble gelberklang 2:35
  11. 11 Farben der Stille (1990-91) für acht Spieler – II Komponist:in: Albrecht Imbescheid (* 1950) Interpret:in: Ensemble gelberklang 3:38
  12. 12 Farben der Stille (1990-91) für acht Spieler – III Komponist:in: Albrecht Imbescheid (* 1950) Interpret:in: Ensemble gelberklang 4:15
  13. 13 Farben der Stille (1990-91) für acht Spieler – IV Komponist:in: Albrecht Imbescheid (* 1950) Interpret:in: Ensemble gelberklang 3:44
  14. 14 Farben der Stille (1990-91) für acht Spieler – V Komponist:in: Albrecht Imbescheid (* 1950) Interpret:in: Ensemble gelberklang 3:56
  15. 15 Farben der Stille (1990-91) für acht Spieler – Epilog Komponist:in: Albrecht Imbescheid (* 1950) Interpret:in: Ensemble gelberklang 3:50

Beschreibung

Ließe sich Musik durch Farben beschreiben, wäre Weiß wohl das gebräuchlichste Kolorit, schreibt Stefan Fricke im Begleitheft. Wassily Kandinsky nannte das Weiß in Über das Geistige in der Kunst von 1910 ein Symbol einer Welt, aus der kein Klang mehr zu uns dringt: Es wirke auf unsere Psyche als ein großes Schweigen, klinge innerlich wie ein Nichtklang — „ein Schweigen, welches nicht tot ist, sondern voll von Möglichkeiten“. Genau darum geht es in diesem Programm: um die Aufhebung der Grenze zwischen Klang und Stille.

In der traditionellen japanischen Ästhetik heißt diese Auffassung von Musik als Teil der Stille „Ma“. Der komponierte Ton konkurriert nicht mit der Stille, sondern belebt sie und macht auf ihre Existenz im Alltag aufmerksam — „Ma o ikasu“, das Ma beleben. Für Toru Takemitsu war dieser Gedanke zentral. Sein 1982 komponiertes Rain Spell, „Regenzauber“, gehört zur 1974 begonnenen Werkgruppe Waterscape, deren gemeinsames Thema das Wasser ist: unabhängige Stücke, die verschiedene Metamorphosen durchlaufen, wie Wasser im Universum zirkuliert. Jeder Bestandteil hat dieselbe Wertigkeit, eine Hierarchie der Klangereignisse gibt es nicht; das Stück ist kontinuierlich im Fluss.

Im Westen verbreitete sich diese Vorstellung vor allem durch John Cage, besonders seit 4’33’’ von 1952 — angeregt unter anderem durch die White Paintings Robert Rauschenbergs. Den Cellisten und Komponisten Scott Roller (1959–2024) faszinierten die monumentalen Eisenplastiken Richard Serras so sehr, dass eines seiner Werke dessen Namen trägt. Wenige Monate danach entstand das Geige-Cello-Duo Serraval, benannt nach einer französischen Ortschaft, die auf ihn archaisch wirkte — die Nähe zum Namen des Bildhauers dürfte die Titelwahl mitbestimmt haben. Die sechs Miniaturen tragen Charakterbezeichnungen, die für sich sprechen: tänzerisch kokett, rasend mit Fliehkraft, elegisch dankbar, fechtend forsch, stürmisch aufdringlich, erzählend besinnlich.

Personenbezogene Widmungstitel sind ursprünglich eine Erfindung Morton Feldmans, in dessen Werk seit den sechziger Jahren zahlreiche Stücke die Namen befreundeter Künstler, Musiker und Schriftsteller tragen. For Frank O’Hara von 1973 hieß zunächst In Memory of My Feelings; O’Hara, einer der wichtigen New Yorker Schriftsteller der fünfziger und sechziger Jahre und ein enger Freund Feldmans, war 1966 mit vierzig Jahren an den Folgen eines Autounfalls gestorben. Über sein Stück sagte Feldman lakonisch, sein primäres Anliegen sei es, eine glatte Oberfläche bei einem Minimum von Kontrasten aufrechtzuerhalten.

Kaija Saariaho ließ sich für Nymphea (Jardin Secret III) von 1987 von den Seerosenbildern Claude Monets anregen: von der symmetrischen Struktur der Wasserpflanze, die auf den Wellen schwimmend sich biegt und transformiert, und von all dem, was an ihr nicht zu sehen, sondern nur zu erahnen ist. Die Live-Elektronik erweitert den Streichquartettklang um feine Schattierungen; gegen Ende flüstern die Interpreten ein melancholisches Gedicht des russischen Dichters Arsenij Tarkowskij ins Mikrofon. Albrecht Imbescheids Farben der Stille schließlich besteht aus sechs Teilen, von denen nur der letzte einen Titel trägt — Epilog — und spielt mit den Ausprägungen, die Stille haben kann: als inwendige Kontemplation, als Ausdruck sprachloser Erkenntnis, als Gegenmodell zum ubiquitären Lärmen. Das Ensemble gelberklang, das sich ab 1992 der zeitgenössischen Kammermusik widmete und seinen Namen an Kandinskys Theaterprojekt Der gelbe Klang von 1912 anlehnte, nahm das Programm vom 2. bis 6. November 2002 im Theater an der Halle in Ostfildern-Nellingen auf.