Nach monatelanger Zusammenarbeit mit Karlheinz Stockhausen auf der Weltausstellung in Osaka gründeten Johannes Fritsch, Rolf Gehlhaar und David Johnson 1970 in einem Hinterhaus im Kölner Belgischen Viertel das Feedback Studio; Studio und Verlag verstanden sich als Künstlerkooperative und alternatives Zentrum für Musik. Die Werke dieser CD entstanden größtenteils noch vor der Gründung des Studios und sind zugleich Zeitdokumente der 1960er Jahre.
Nach dem eher improvisierten „Duett für Bratsche“ ist „Bestandteile des Vorüber“ (1962) für Sopran, tiefe Blasinstrumente und drei Kontrabässe das erste Stück, mit dem der junge Fritsch seine Laufbahn begann. Die Texte stammen aus Max Benses gleichnamiger Sammlung von 1961; der Philosoph generierte als einer der ersten in Deutschland Texte mit dem Computer, und in seiner Poesie löst sich die Bedeutung vom Klang, die Syntax von der Grammatik. Ähnliche Konstruktionsprinzipien übertrug Fritsch auf seine sieben Sätze, in denen genau notierte und improvisatorische Passagen einander gegenüberstehen; der erste ist nach Fritschs Worten „fast seriell“. Im Zentrum steht das Beckett-Solo der Sängerin, ppp bis auf einen Schrei auf dem Wort „für“; im letzten Satz, dessen Notation an die musikalische Grafik Sylvano Bussottis erinnert, werden die Musiker auch zu Sprechern. Bei der Uraufführung 1963, gesungen von der blinden Sopranistin Marlies Giesen unter der Leitung von Oskar Gottlieb Blarr in einem Konzert der Kompositionsklasse von Bernd Alois Zimmermann, verließen einige Professoren türeknallend den Saal.
Die „Nachtmusik“ (1963) entstand unter dem Eindruck der Musik Gustav Mahlers: Melodien der ersten Nachtmusik aus seiner 7. Sinfonie sind ihr Anlass, und eine serielle Variationenfolge im Mittelteil führt vor, wogegen Mahler anging, nämlich den Gesetzen einer Konvention mehr zu vertrauen als der produktiven Fantasie. Studenten der Kölner Musikhochschule spielen sie in einem Aulakonzert von 1980. „Ikonen“ (1964) komponierte Fritsch für Alfons, Aloys und Bernhard Kontarsky. Der Titel verweist auf die Zeichentheorie von Charles Sanders Peirce, nach der Ikonen Zeichen sind, die nur sich selbst bedeuten; die mehr oder weniger versteckten Zitate von Bach, Beethoven, Mozart und Mahler verweisen als Erinnerungen jedoch auf eine Musikgeschichte, in der sie anderes bedeuteten. Neue Klänge, Flageoletts und Pizzicati verwandeln die Fragmente in Gegenwärtiges, eine frühe postmoderne Praxis.
„Modulation I“ (1966), in der Besetzung des Forellenquintetts, begann Fritsch noch als Student von Bernd Alois Zimmermann, dessen Idee der Kugelgestalt der Zeit den Charakter des Stücks mitbestimmt. Modulation meint hier allgemein die Veränderung einer Musik durch eine andere: Am Anfang stehen transponierte Zitate von Alban Berg („Lyrische Suite“), Arnold Schönberg (2. Streichquartett op. 10), Johannes Brahms (Klavierquartett op. 60) und Ludwig van Beethoven (15. Streichquartett op. 132); später erklingt auch eine Passage aus Mahlers 9. Sinfonie. Den Probenmitschnitt von 1967 spielen Franz Josef Maier, Fritsch selbst an der Viola, Siegfried Palm, Paul Breuer und Bernhard Kontarsky. „Sul G“ (1970), angeregt von Aloys Kontarsky und Karlheinz Zöller für eine Electrola-Schallplatte, und „Sul B“ (1972) gehören in den Umkreis von Fritschs Allgemeiner Harmonik: Sie arbeiten mit Obertönen eines Grundtons, deren Frequenzen von der temperierten Stimmung des Klaviers abweichen, sodass eine Art Obertonfarbmelodie entsteht; in „Sul B“ unterstreicht die Skordatur des Violoncellos die Grundtönigkeit. Die Abfolge der kleinen Teile bestimmen die Interpreten; „Sul G“ spielen Lesley Olson und Susanne Achilles in einer Aufnahme von 1996.
