Als Louise Farrenc 1804 geboren wurde, ließ sich Napoléon Bonaparte in Paris zum Kaiser krönen; als Lili Boulanger 1918 starb, brach die „Welt von gestern“ im Ersten Weltkrieg gerade zusammen. Dazwischen lag eine Epoche beispielloser Umwälzungen, in der seit der Mitte des 19. Jahrhunderts Frauen nicht nur das Wahlrecht forderten, sondern auch das Recht auf Arbeit, Bildung und Gleichberechtigung. Keine der drei Komponistinnen war eine bewusste Vorkämpferin dieser Bewegung, und das Begleitheft warnt ausdrücklich davor, ihre Werke allein deshalb aus den Archiven zu holen, weil sie von Frauen stammen: Not tut eine wertfreie Würdigung, wie man sie den männlichen Kollegen angedeihen lässt.
Louise Farrenc gilt als die wohl am meisten unterschätzte französische Komponistin des 19. Jahrhunderts. Berlioz bescheinigte ihr eine „Begabung, wie sie selten bei Frauen zu finden ist“, und Robert Schumann fand ihre Klavierstücke „so verständig in der Ausführung, so fertig mit einem Worte, dass man sie lieb gewinnen muss“. Dass ihr Weg steinig blieb, lag nicht nur am Geschlecht: Ihre Konzentration auf die ernste, abstrakte Musik im Sinne Mozarts und Beethovens lag abseits des Pariser Zeitgeschmacks mit seiner Vorliebe für Oper, Virtuosentum und Salon. Von ihren 51 nummerierten Werken erschienen etwa 40 im Druck; für ihre Kammermusik erhielt sie 1861 und 1869 den Prix Chartier. Gemeinsam mit ihrem Mann, dem Flötisten Aristide Farrenc, gab sie „Le Trésor des Pianistes“ heraus, eine vielbändige Anthologie, die zur Wiederbelebung Alter Musik beitrug. In der zweiten Violinsonate in A-Dur op. 39 (1850–55) wandelt sie so gekonnt auf den Bahnen der Wiener Klassik, dass man ein Stück aus jener Epoche zu hören glaubt.
Lili Boulanger stammte aus einer Künstlerfamilie, die das Pariser Musikleben seit dem 18. Jahrhundert mitbestimmte. Was ihr Vater Ernest Boulanger 1835 vorgemacht hatte, holte die Tochter 1913 nach: Mit der Kantate „Faust et Hélène“ gewann sie als erste Frau in der 110-jährigen Geschichte des Prix de Rome die wichtigste Auszeichnung des französischen Musiklebens — ihre ältere Schwester Nadia war zwar als erste Frau ins Finale gelangt, kam aber über zweite Preise nicht hinaus. Viel Zeit blieb ihr nicht: Der Romaufenthalt wurde bei Kriegsausbruch abgebrochen, die Tuberkulose lag seit der Kindheit als Schatten über ihrem Leben, die letzten Werke konnte sie nur noch diktieren. Am 15. März 1918 starb sie, nicht einmal 25 Jahre alt, zehn Tage vor ihrem großen Vorbild Claude Debussy. Das Nocturne von 1911 bewegt sich noch in der aparten Harmonik Gabriel Faurés, eines Freundes der Familie, der sie als Kind am Klavier begleitet hatte.
Pauline Viardot-Garcia, Tochter des spanischen Tenors Manuel Garcia und Schwester der früh verstorbenen Maria Malibran, feierte mit ihrer mühelos vom Sopran bis zum Alt wechselnden Stimme Triumphe an allen großen Opernhäusern Europas; mit Iwan Turgenjew verband sie eine lebenslange Freundschaft. Sie sprach fünf Sprachen, war eine ausgezeichnete Pianistin — zu ihren Lehrern gehörte Franz Liszt — und komponierte Klavier- und Kammermusik, Lieder, Chöre und Operetten. Vieles davon war für die Liebhaberkonzerte in ihrer Villa in Baden-Baden bestimmt, wohin sie 1863 mit ihrem Mann, dem Theaterdirektor Louis Viardot, gezogen war; im Publikum saßen Wilhelm und Augusta von Preußen, Bismarck, Wagner, Theodor Storm und Anton Rubinstein. Der Deutsch-Französische Krieg beendete diese Jahre. Auf dem Album stehen die Sonatine a-Moll von 1874 und die sechs Morceaux von 1867, von der Romance über die Bohémienne und die Berceuse bis zur Tarentelle.
Annette-Barbara Vogel und Ayako Tsuruta nahmen das Programm vom 14. bis 19. Dezember 2001 in der Clapp Recital Hall der University of Iowa in Iowa City auf, in 24 bit und 44,1 kHz, veröffentlicht als Hybrid-SACD mit Stereo- und 5.0-Surround-Ebene. Die Produktion wurde von der Kunststiftung NRW und der University of Iowa gefördert; das Begleitheft umfasst 28 Seiten in Deutsch und Englisch. Die Aufnahme erhielt den IRR Outstanding Award der International Record Review.
