1934 unterbrach Alban Berg die seit acht Jahren währende Arbeit an seiner zweiten Oper Lulu nach Frank Wedekinds Dramen „Erdgeist“ und „Die Büchse der Pandora“ und stellte für den Konzertsaal die Lulu-Suite – Symphonische Stücke aus der Oper „Lulu“ (1934) zusammen. Eine Aufführung der Oper im nationalsozialistischen Deutschland kam nicht mehr in Betracht, doch Erich Kleiber brachte die Suite am 30. November 1934 mit der Staatskapelle Berlin heraus; Berg fehlte, weil er das Geld für die Reise aus Kärnten nicht aufbringen konnte. Wie Paul Hindemiths Symphonie „Mathis der Maler“ war sie, so Klaus Oehl im Begleitheft, eine der letzten Demonstrationen künstlerischen Aufbegehrens gegen das Regime; Kleiber musste noch im Dezember zurücktreten. Berg widmete die Partitur Arnold Schönberg zum 60. Geburtstag. Den Schlussakt der Oper konnte er nicht mehr vollenden, 1935 starb er an einer Blutvergiftung.
Im Zentrum steht das Lied der Lulu, in dem sich die Titelheldin als eine Art weiblicher Don Juan beschreibt: „Wenn sich die Menschen um meinetwillen umgebracht haben, so setzt das meinen Wert nicht herab.“ Aus Permutationen ihrer Zwölftonreihe gewinnt Berg die Musik der übrigen Figuren. Das Rondo kreist mit dem Altsaxophon um Alwa, den Berg vom Schauspieler zum Komponisten machte und mit dem er sich identifizierte; das spiegelsymmetrische Ostinato, für Theodor W. Adorno „eine atemlos gedrängte Filmmusik“, war als Begleitmusik zu einem Film über Lulus Verhaftung und Befreiung gedacht. Die Variationen führen ein Bänkellied Wedekinds durch immer neue Instrumentierungen, bis es sich als Drehorgelmelodie entpuppt; das Adagio endet mit Lulus Todesschrei über einem Zwölftonakkord.
Auch Hans Werner Henzes Appassionatamente plus (1994-2003) per grande orchestra verdankt sich einer Oper. Aus der Urfassung von Das verratene Meer (1986–1989) nach Yukio Mishimas Roman „Gogo no eiko“ nahm Henze Zwischenspiele und fügte sie 1994 zur Orchesterfantasie Appassionatamente; mit der Revision der Oper entstand 2003 die erweiterte Fassung. Die Oper spielt in Yokohama: Eine Jungenbande um den dreizehnjährigen Noboru tötet den Seemann Ryuji, der aus Liebe zu Noborus Mutter Fusako das Meer „verraten“ hat. Wie in einem Kaleidoskop bleiben die Figuren im Orchestersatz präsent. Noborus Monolog erklingt zu Beginn im Sopransaxophon, eine Reverenz an Berg; das Klavier mit seinen etüdenhaften Figuren verkörpert den Halbwüchsigen, das große Schlagwerk, hier mit neun Spielern, die Gewalt der Bande, die nach Henzes Vorstellung hart, schneidend, maschinenhaft und zornig klingen soll.
Ryujis Traum, in der Oper die Verwandlungsmusik zwischen zweiter und dritter Szene, ist ein gewaltiger Orchestersturm, in dem Henze eine Sturmflut nachzeichnet: „Ich komponierte sieben oder neun Wellenanstürme.“ Auf das zarte Liebesduett von Ryuji und Fusako mit Streichern, Harfe und Holzbläsern folgen die gehämmerten Schläge der Jungenbande; den Höhepunkt bildet die Schluss-Szene der Oper, Ryujis Tod.
Stefan Soltész, damals Generalmusikdirektor der Essener Philharmoniker und Intendant des Aalto-Theaters, dirigierte Appassionatamente plus am 28. Mai 2010 in der Philharmonie Essen im Rahmen des Henze-Projekts der Kulturhauptstadt Europas RUHR.2010; die Aufnahme ist ein Konzertmitschnitt. Die Lulu-Suite wurde im November 2009 im selben Saal aufgenommen. Julia Bauer, die am Essener Aalto-Theater ihr Debüt als Lulu gab, singt das Lied der Lulu und das Adagio. Die SACD wurde 2011 für einen Grammy in der Kategorie Best Contemporary Composition und für die International Classical Music Awards nominiert; die Sunday Times zählte sie zu den Top 100 Albums of 2010.
