Über das Leben von Juan Bautista Cabanilles ist wenig bekannt. Getauft wurde er am 6. September 1644 in Algemesi bei Valencia; das Geburtsdatum ist nicht überliefert. Nach dem Besuch des Priesterseminars in Valencia ernannte ihn das Domkapitel 1665 zum zweiten Organisten der Kathedrale, ohne dass er sich, wie in Spanien sonst üblich, in Prüfungen gegen Mitbewerber durchsetzen musste. Bald darauf wurde er alleiniger Domorganist, 1668 empfing er die Priesterweihe, und von 1675 bis 1677 betreute er zusätzlich die Chorknaben. Cabanilles starb am 29. April 1712. Von den rund 800 Werken, die er geschrieben haben soll, ist heute etwa ein Drittel bekannt.
Im Zentrum seines Orgelschaffens stehen die Tientos, in denen er die iberische Tradition von Antonio de Cabezon, Correa de Arauxo und Rodrigues Coelho weiterführt. Der Name geht auf das spanische Verb „tentar“ zurück: berühren, tastend suchen, erproben. Ein Tiento ist meist drei- bis fünfstimmig und weitgehend kontrapunktisch über ein oder mehrere Themen gebaut; in seiner freien Anlage ähnelt er der Fantasie und lässt scharfe Dissonanzen, auffällige Intervallsprünge und ungewöhnliche Harmoniefolgen zu.
Das erste Buch versammelt neun solcher Stücke. Zwischen zwei Tientos llenos für das volle Plenum der Orgel im fünften und sechsten Ton stehen fünf Tientos im ersten Ton, dazu je einer im dritten und im fünften Ton. Drei Stücke nutzen die geteilte Klaviatur der spanischen Orgel, deren Bass- und Diskanthälfte getrennt registriert werden: Im Tiento Partido de Dos Bajos de 1° tono treten zwei Solostimmen in der linken Hand hervor, im Tiento 5° tono de Dos Tiples zwei in der rechten, und im Tiento 1° tono Partido de Mano Derecha Sobre el Imno Ave Maris Stella liegt die Solostimme in der rechten Hand.
Sandro R. Müller hat die Stücke der vier Bücher selbst ausgewählt und angeordnet. Da Cabanilles’ Noten kaum Angaben zu Klangfarbe und Artikulation machen, entwickelte er die Registrierung aus der Bildwelt der spanischen Kunst des 16. bis 18. Jahrhunderts und stellte jedes Buch unter eine der vier Symbolfiguren der Evangelisten. Gespielt wird die große Rieger-Orgel (1969/70) der Zisterzienserabtei Marienstatt im Westerwald, deren historische spanische Trompeteria Pfeifen aus dem Jahr 1732 enthält.
Die Trompeteria von Marienstatt ist nach Angabe des Begleithefts die einzige historische spanische ihrer Art außerhalb der Iberischen Halbinsel. Jedem Stück des Zyklus hat Müller einen Text zugeordnet, meist aus der Bibel. Alle vier Bücher entstanden in denselben Sitzungen: am 10. und 11. Juli sowie am 13. und 14. November 1995, produziert von Ingo Schmidt-Lucas. Das erste Buch dauert 73:43.
