Neben den Tientos, dem Kern seines Orgelschaffens, schrieb Juan Bautista Cabanilles, seit 1665 Organist an der Kathedrale von Valencia, auch freiere und tänzerische Stücke. Das zweite Buch von Sandro R. Müllers vierteiligem Zyklus stellt sie in den Mittelpunkt: Von elf Stücken sind nur zwei Tientos – der Tiento lleno 7° tono für das volle Plenum und der Tiento 6° tono Partido de Mano Izquierda, dessen Solostimme in der linken Hand, also in der Basshälfte der geteilten Klaviatur, liegt.
Drei Tocatas, zwei davon im fünften Ton, gliedern das Programm; eine von ihnen eröffnet es. Die Pasacalles de 3° tono sind Variationen über ein wiederkehrendes Bassmodell, die Gallardas de 3° tono Variationen über den Tanz Gallarda; mit gut dreizehn Minuten sind sie das längste Stück des Albums. Der Name der Gaitilla verweist auf die Gaita, den Dudelsack. Hinzu kommen zwei kurze Stücke mit dem Titel Paseos, eines davon als „Paseos de Cavanillas“ bezeichnet, und das nur gut eine Minute lange „Pedazo de Musica 5° tono“.
Müller hat die vier Bücher als Zyklus angelegt, der den theologischen Kosmos des spanischen Katholizismus spiegeln soll; jedes steht unter einer der vier Symbolfiguren der Evangelisten. Die Registrierung, für die Cabanilles selbst kaum Hinweise hinterließ, entwickelte er aus der religiösen Bildsprache der spanischen Kunst. Die Aufnahme entstand an der großen Rieger-Orgel (1969/70) der Zisterzienserabtei Marienstatt im Westerwald mit ihrer historischen spanischen Trompeteria.
Über Cabanilles’ Leben ist wenig überliefert. Getauft wurde er am 6. September 1644 in Algemesi bei Valencia; ein Geburtsdatum ist nicht bekannt. Nach dem Priesterseminar in Valencia ernannte ihn das Domkapitel 1665 zum zweiten Organisten der Kathedrale — ohne die in Spanien sonst übliche Prüfung gegen Mitbewerber. Bald darauf war er alleiniger Domorganist, 1668 empfing er die Priesterweihe, von 1675 bis 1677 betreute er zusätzlich die Chorknaben. Er starb am 29. April 1712. Von den rund 800 Werken, die er geschrieben haben soll, ist heute etwa ein Drittel bekannt.
Die spanische Orgel des 17. Jahrhunderts, für die er schrieb, kennt die geteilte Klaviatur: Bass- und Diskanthälfte lassen sich getrennt registrieren, sodass eine Solostimme aus dem Satz heraustreten kann — auf diesem Album im Tiento 6° tono Partido de Mano Izquierda. Die Trompeteria von Marienstatt ist nach Angabe des Begleithefts die einzige historische spanische außerhalb der Iberischen Halbinsel; ihre Pfeifen stammen aus dem Jahr 1732. Aufgenommen wurde am 10. und 11. Juli sowie am 13. und 14. November 1995; das zweite Buch dauert 61:35.
