Arthur Vincent Lourié, sephardischer Abstammung und eigentlich Naum Izrailewitsch Lurje, wurde 1892 in St. Petersburg geboren, wuchs in wohlhabendem Elternhaus auf und verbrachte seine Jugend in Odessa. 1909 trat er ins St. Petersburger Konservatorium ein, in die Klavierklasse der Busoni-Schülerin Marija Barinowa und die Kompositionsklasse Alexander Glasunows. 1913 konvertierte er zum katholischen Glauben und legte sich aus Verehrung für Schopenhauer und van Gogh den Künstlernamen Arthur Vincent zu. 1918 berief ihn Lunatscharski zum Musikkommissar; 1922 nutzte er eine Dienstreise nach Berlin, um sich abzusetzen, und ließ sich 1924 in Paris nieder, in engem Kontakt mit Igor Strawinsky.
Zu den futuristischen Sprachfindungsversuchen gehört Louriés Aufsatz „Zu Musik von höherer Chromatik“ von 1915, in dem er zusätzliche Versetzungszeichen vorschlägt, um Vierteltöne in der herkömmlichen Notation schreiben zu können — verwendet hat er sie selbst nie. Sein frühes Klavierschaffen zeichnet den Weg der bildenden Kunst und der Literatur zu Abstraktion, Konzentration und Fragmentierung nach, bis hin zur kubofuturistischen Transmedialität der Formes en l’air. Über seinem Leben, schreibt Thomas Günther, könnte ein Satz aus Busonis „Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst“ stehen: Die Aufgabe des Schaffenden besteht darin, Gesetze aufzustellen und nicht, Gesetzen zu folgen. Die Hinwendung zu religiösen und mystischen Inhalten kam später, im Pariser Exil und im Umkreis des Philosophen Jacques Maritain; 1940 floh Lourié vor den Nationalsozialisten nach Amerika, wo ihm die Musikszene weitgehend verschlossen blieb. Er starb 1966 in Princeton.
Die Biographie Sergej Protopopovs, 1893 in Moskau geboren, ist bis heute lückenhaft. Nach einem Medizinstudium begann er 1913 bei Boleslav Javorskij Musiktheorie zu studieren; dessen originelle Konzeptionen prägten sein gesamtes kompositorisches und theoretisches Werk. In den 1920er Jahren stand er der Assoziation für zeitgenössische Musik nahe, die seine Kompositionen über einen Kooperationsvertrag mit der Wiener Universal-Edition herausbringen konnte. Er gab die Schriften seines Lehrers heraus, veröffentlichte ein eigenes umfangreiches musiktheoretisches Werk, leitete den Chor des Bolschoi-Theaters und unterrichtete am Ersten Moskauer Staatstechnikum für Musik.
Nach dem Bürgerkrieg organisierten sich die Musiker in konkurrierenden Verbänden. Die 1923 gegründete Russische Vereinigung proletarischer Musiker zog ab Ende der 1920er Jahre immer aggressiver gegen die progressiven Komponisten zu Felde; am 23. April 1932 wurden alle Verbände aufgelöst und durch einen zentralen Komponistenverband ersetzt, der sozialistische Realismus wurde verbindlich. Thomas Günther nahm das Programm im Februar 2010 im Kammermusiksaal des Deutschlandfunks in Köln auf. Die Reihe wurde 2017 mit dem ECHO Klassik in der Kategorie „Solistische Einspielung des 20./21. Jahrhunderts“ ausgezeichnet und für den Jahrespreis 2016 des Preises der deutschen Schallplattenkritik nominiert.
