Am 19. Oktober 1989 starb Michael Vyner, der Leiter der London Sinfonietta, mit 46 Jahren an AIDS. Hans Werner Henze hatte den langsamen Verfall des Freundes miterlebt und begann Anfang 1990 zu seinem Gedenken ein Instrumentalwerk; dessen erster Teil, der Introitus, erklang am 6. Mai 1990 bei einem Londoner Gedenkkonzert. Fünf Tage später stand Henze am Grab von Luigi Nono in Venedig. Aus einem Klavierquintett, einem Trompetenkonzert für Hakan Hardenberger und weiteren Sätzen wuchs bis 1992, auch unter dem Eindruck des Golfkriegs, das neunsätzige Requiem (1990-92), das 1993 in der Kölner Philharmonie mit dem Ensemble Modern unter Ingo Metzmacher uraufgeführt wurde.
Henze verzichtet ganz auf Singstimmen, übernimmt aber die Titel der lateinischen Totenmesse, ordnet sie neu und ergänzt ein Ave verum corpus; die Instrumentalisten, so Henze, sollen die Wörter denken. Der Untertitel erinnert an Heinrich Schütz’ Kleine geistliche Konzerte. Klaus Oehl beschreibt im Begleitheft, gestützt auf Peter Petersen, wie Henze die Bilder der Liturgie auf diesseitige Erfahrungen überträgt: Glockenklänge von Klavier, Celesta, Vibraphon und Harfe im Introitus, „Alarm-Signale“ und „dumpfe Exekutionsrhythmen“ im Dies irae, die Erinnerung an den todkranken Vyner im Ave verum corpus, „Sommerlicht in der Kindheit“ und Zikaden im Lux aeterna.
Rex tremendae ist die Rede eines blutrünstigen Diktators, verkörpert von der Solotrompete und unterlegt mit Zitaten aus Militärmärschen, darunter dem „Badenweiler“; im Tuba mirum schweigen die Streicher, und eine Militärkapelle mit zwei Basstrompeten dröhnt aus dem Orchester. Dazwischen steht das Agnus dei für Klavier und elf Solostreicher als kurzes, mitleidvolles Innehalten. Das hymnische Sanctus beschließt das Werk: Mit den Rufen der Solotrompete und zweier im Saal postierter Trompeten wollte Henze nach eigenen Worten einen Tiepolo-Himmel aufreißen.
Die bis dahin einzige Aufnahme, 1994 unter Ingo Metzmacher erschienen, war 2010 nicht mehr erhältlich. Die neue entstand am 12. Juni 2010 live im Alfried Krupp Saal der Philharmonie Essen, im Rahmen des Henze-Projekts der Kulturhauptstadt Europas RUHR.2010, das Steven Sloane die vermutlich größte Werkschau für einen lebenden Künstler nannte. Sloane, seit 1994 Generalmusikdirektor der Bochumer Symphoniker, dirigiert; Dimitri Vassilakis, Solist des Ensemble Intercontemporain, spielt den Klavierpart, Reinhold Friedrich die Solotrompete.
Die Gespräche führte Mirjam Wiesemann am 17. August 2010 in Henzes Haus in Marino bei Rom, wo er sich mit seinem Lebensgefährten Fausto Moroni niedergelassen hatte. Das Gespräch mit Henze folgt den Sätzen des Requiems: Er spricht über den Krieg und seinen Vater, über Moroni, Ingeborg Bachmann und seinen Tagesablauf und über sein Musiktheater „Gisela!“ für junge Menschen. Michael Kerstan, Regisseur, Dramaturg und Henzes Assistent, erzählt von gemeinsamen Musikprojekten mit Jugendlichen, etwa in Deutschlandsberg, und von der Arbeit mit Henze. Das Album war für die International Classical Music Awards nominiert; MusicWeb International wählte es zur Recording of the Month.
