Schon mit 14, 15 und 16 Jahren schrieb der 1952 in Karlsruhe geborene Wolfgang Rihm Streichquartette, veröffentlichte sie aber nicht. Erst 1970 erschien sein 1. Streichquartett, versehen mit der Opuszahl 2. Es steht der Klangsprache der Zweiten Wiener Schule nahe, orientiert sich an ihrer Zwölftönigkeit, bevorzugt Septimen, Nonen und Tritoni in teils ausgedünnten Linien und sackt dann jäh in sich zusammen: „wie plötzlich zerstört: verlöschen“ steht über Takt 109 der Partitur. Es folgen gespannte Fermaten, ein zögernder Nachhall und ein kurz aufbäumender Schlussakkord. Rihm studierte bei Eugen Werner Velte, Wolfgang Fortner, Humphrey Searle, Karlheinz Stockhausen und Klaus Huber und lehrte ab 1985 Komposition an der Karlsruher Musikhochschule.
Im Winter 1980/81 komponierte Rihm sein 4. Streichquartett in drei Sätzen. „Nachzügler und Vorbote zugleich“ nannte er es: Einerseits verdichtet es die Auseinandersetzung mit der Tradition, die schon die ersten drei Quartette bestimmte, und erinnert an späte Quartette Beethovens, an Mahler, Schostakowitsch und Janaceks 2. Streichquartett „Intime Briefe“. Andererseits nimmt es Späteres vorweg: Der erste Takt des 8. Streichquartetts greift die leise ausfedernden Schlussrepetitionen von Bratsche und Violoncello aus dem Vierten auf, und auch die Quartette V bis VII nähren sich aus ihm. Stefan Fricke, Autor des Begleittexts, sieht darin kein bloßes Übergangswerk, sondern ein in sich schlüssiges, aufwühlendes Stück.
Mit einem lang ausgehaltenen fis1 beginnt das 5. Streichquartett „ohne Titel“, und mit demselben Ton setzen auch das 6. und das 7. Quartett ein; Rihm selbst hat die drei einmal als ein einziges Quartett beschrieben. Im Fünften ist die Musik eine rasante, oft flirrende Kettenreaktion, die abreißt, neu ansetzt und anderswo weiterspielt. Dem 8. Streichquartett (1987/88) wollte Rihm ursprünglich den Titel „Zeichnungen, Seiten“ geben: An manchen Stellen kratzen die Musiker mit der Bogenspitze auf den Noten, schlagen auf das Notenpapier oder „schreiben“ darauf. Gemessen an Rihms übrigem Werk greift das Quartett außergewöhnlich experimentell auf das Klangspektrum der Instrumente zu; der Text, so Rihm, entstehe durch das Geräusch seiner Hervorbringung.
Frank de Groot, Laurens van Vliet, Karin Dolman und Hans Woudenberg vom DoelenKwartet spielten die Quartette in enger Zusammenarbeit mit dem Komponisten ein; den Anstoß gab eine Begegnung mit Rihm beim Prime Festival in Groningen im September 2001. Das Rotterdamer Quartett hat rund 250 überwiegend zeitgenössische Werke im Repertoire und arbeitete mit Komponisten wie Henri Dutilleux, Steve Reich und Peter-Jan Wagemans. Die Aufnahmen entstanden im Mai und Juni 2005 in der Altkatholischen Kirche in Delft, unterstützt vom ThuisKopie Fonds. ClassicsToday.com vergab den 10/10 Award, Luister den Luister10 Award.
