Was Wirklichkeit ist, lasse sich wirklich nicht beantworten: Mit diesem Satz beginnt Stefan Fricke seinen Einführungstext. Als Meister Eckhart im 13. Jahrhundert das lateinische „actualitas“ mit „Wirklichkeit“ übersetzte, dachte er nicht an den Begriff Realität, der seit dem 18. Jahrhundert den Sprachalltag beherrscht, sondern an das, was aus dem Wirken und Handeln hervorgeht. Auch Musik, so Fricke, ist nicht einfach da; sie braucht einen Handelnden, der sie hervorbringt. John Cage habe gelehrt, dass es auf der Welt keine Stille gibt und immer irgendetwas klingt, und seit sich sämtliche Schallereignisse aufnehmen, speichern und jederzeit wiedergeben lassen, können alle Klänge, die uns umgeben, Musik werden.
Fricke stellt die Stücke dieser CD in eine Tradition, die mit dem Görlitzer Schuhmacher und Mystiker Jakob Böhme und seinem Satz „Ein jedes Ding hat seinen Mund zur Offenbarung“ beginnt und über Joseph von Eichendorff, Oskar Fischinger, John Cage und Marcel Duchamp die Kunst nachhaltig verändert hat: das ästhetische Erforschen des Alltags in der Konkretheit seiner Gegenstände, das Remixen der Realitäten, um sie wirksam werden zu lassen. Die 47 Miniaturen, jede rund neunzig Sekunden lang, geben selbst Kunde davon, was sie sind und welche Realität in ihnen künstlerisch wirksam geworden ist.
Die Stücke stammen aus den Jahren 1999 bis 2004, die meisten von 2002 und 2003. Mehrere Komponisten sind mit Folgen vertreten, deren Teile über die CD verteilt sind oder unmittelbar aufeinander folgen: Frank Niehusmanns „Overdrive Boulevard North“ bis „Overdrive Boulevard East“ (1999-2002), Ralf Hoyers „ort.rand. 1“ bis „ort.rand. 3“, Dirk Spechts „3 Parts à 90 Sekunden“, Michael Hirschs „Drei Episoden aus ‚Das Konvolut, Vol. 3‘“, Harald Muenz’ „dreimal neunzig sekunden wirklichkeit“ und Ralf Haarmanns dreiteilige „Trilogie 1“. Daneben stehen Einzelstücke wie Rilo Chmielorz’ „ff (floor+feet)“, Christian Banasiks „Glass Cutter“, Hanns Holger Rutz’ „Halbschlaf“, Kirsten Reeses „Windrad 1“ und Bodo Hartwigs „Golden Goal“; „33.3“ haben Roswitha von den Driesch und Jens-Uwe Dyffort gemeinsam geschaffen.
Georg Klein eröffnet die Folge mit „Ankündigung der Wirklichkeit: imperial news“, Thomas Gerwin beschließt sie mit „In 90 Sekunden um die Welt“. Die 35 beteiligten Komponistinnen und Komponisten gehören den Jahrgängen 1935 bis 1977 an, von Georg Katzer bis Hanns Holger Rutz. Die 1991 gegründete DEGEM gibt diese CD-Reihe heraus; die Folge spielt 73:19, das Begleitheft ist ein zehnseitiges Leporello in Deutsch und Englisch.
